Wenn man sie zum erstenmal sieht, möchte man an weißes zerbrechliches Porzellan denken, hinter dem sich aber doch unglaubliche Festigkeit und Stärke zeigt. Man trifft auf eine Persönlichkeit, die vom ersten Augenblick an transparente Tiefe hat. Herausfordernd und spannend zugleich. Marlies Nicolmann sang sich durch alle Konflikte, die ihr begegneten. Halt, Trost, Freude konnten ihr scheinbar lange Zeit nur die Musik geben.
Wo andere zur Droge griffen, griff sie zur Gitarre und komponierte alle Schmerzen, Probleme, erste Liebeserfahrungen in ihre Lieder, wie eine Süchtige. Abhängig geworden, konnte sie sich keinen anderen Beruf, als Sängerin, mehr vorstellen.
Aber es sollte erst über einige Umwege dazu kommen. Auf der Suche, Verbündete zu finden, stolperte sie in alle möglichen Unterhaltungsbands, die ihre Vorstellungen brutal korrigierten, sie aber nicht zerbrechen konnten. Obwohl sie offiziell als Nachwuchstalent staatlich gefördert wurde, wussten die Beteiligten, dass ihr Talent zum "Popstar" nicht nutzbar war. Auch während ihres Gesangstudiums an der Musikhochschule in Weimar scheiterten Versuche, sie als kommerzielle Popsängerin in den Markt zu protegieren.
Wieder entzog sich Marlies Nicolmann diesen Einflüssen, indem sie sich mit Jazzprojekten beschäftigte und sich klangbare Erfolge ersang.
Noch gemeinsam mit den Prinzen und Olaf Berger beim nationalen Nachwuchsfestival der damaligen DDR um kommerzielle Siege ringend, hatte sie sich jetzt völlig von diesem Weg verabschiedet.
Aber auch der Jazz war nur eine Station, die sie nicht auf Dauer befriedigen konnte. In einer Sackgasse angekommen, fasste sie den Entschluss noch mal neu anzufangen.
Sie zog sich 3 Jahre völlig zurück, unterrichtete Gesang in Berlin, begann ihr Leben neu zu ordnen. Langsam erwachte in ihr wieder die alte Fähigkeit, Erlebnisse, Schmerzen, Freude... in Liedern festzuhalten. Mit dem neu entstandenen Konzert suchte sie zögernd nach Auftrittsmöglichkeiten. Aber es dauerte nicht lange, bis Großveranstalter, wie der deutsche evangelische Kirchentag, das Christival, das Songfestival in Polen, sie auf ihre großen Bühnen bzw. in die Stadien holten. Sie produzierte drei CD´s , aber der Weg live zu spielen war und ist aufwendig und schwer.
Der 1998 erhaltene Förderpreis für Songpoeten der Hans-Seidel-Stiftung, München (Preisträger waren u.a. Rosenstolz, Die Zöllner, Vocaleros...) ist eine Würdigung für Künstler, die einen Weg jenseits der kommerziellen Wege gehen.
Nach vielen Jahren auf der Bühne hat sie wieder die Perspektive verschoben, vom "Solieren" zum Weitergeben. Talente entdecken, begleiten und zur Entfaltung bringen, haben zum großen Teil die Bühne verdrängt.
Erleben kann man sie trotzdem, verstärkt durch ihre Chöre oder Solo.